Jonas und Emil, zweieiige Zwillinge, einmal mit, einmal ohne HPU

 

Jonas und Emil kommen nach einer komplikationslosen Schwangerschaft im Sommer 2010 zur Welt. Die beiden zweieiigen Zwillingsjungs unterscheiden sich nicht nur optisch, sondern auch charakterlich. Jonas ist fordernd, braucht viel Unterhaltung und muss stundenlang in den Schlaf begleitet werden. Emil schläft schnell ein und durch – ist das, was man unter Eltern gerne als „Anfängerbaby“ bezeichnet.

Beide Jungs entwickeln sich normgerecht bis zum zweiten Geburtstag. Bei der U7 fällt Emil aus dem Raster. Während sein Bruder schon in ganzen Sätzen spricht, kommt Emil noch nicht einmal auf den geforderten Mindestwortschatz von 50 Worten, der bei Zweijährigen als untere Norm für eine normale Sprachentwicklung gilt. Seitens des Kinderarztes gibt es noch keinen Grund zur Besorgnis, Emil wird als „Late Talker“ bezeichnet.

Beim Kitastart ist die Schere zwischen den beiden Brüdern noch weiter auseinandergegangen. Jonas hat sich zu einem kontaktfreudigen Zweieinhalbjährigen entwickelt, der gerne auf andere Kinder zugeht, munter drauflos plaudert, erste Rollen- und Brettspiele liebt und auch schon bald Freunde findet.

Emil spricht bis dato, trotz logopädischer Intervention, nur einzelne Worte und spielt am liebsten alleine vor sich hin. Rollen- und Brettspiele will und kann er nicht spielen, da verlieren für ihn keine Option ist. Er zeigt kaum Interesse an Kinderbüchern und während Gleichaltrige gebannt dem Kasperltheater lauschen, verlässt Emil den Raum. Zahlreiche Tests beim Pädaudiologen ergeben keinerlei Beeinträchtigung des Gehörs. Eine auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung ist eine erste Verdachtsdiagnose.

Auch die Kita-Erzieher sind besorgt und raten, Emil in einer Frühförderstelle vorzustellen. Dort begleitet ein Team aus Ergotherapeuten, Logopäden und Heilerziehern Familien, deren Kinder Entwicklungsauffälligkeiten zeigen. Emil hat jetzt einen vollen Terminkalender. Dreimal die Woche stehen Therapien an. Sie verlaufen spielerisch und Emil hat meistens viel Spaß dabei. Bis zum Alter von ungefähr dreieinhalb Jahren hat er noch kein Störungsbewusstsein entwickelt.

Er hat immer wieder mit Verdauungsbeschwerden zu kämpfen, die sich in viel zu hartem Stuhl und dadurch bedingten Schmerzen beim Stuhlgang äußern. Diverse Ernährungsanpassungen bringen wenig bis keine Linderung. Der Kinderarzt verordnet Movicol, ein angeblich nebenwirkungsfreies Medikament, das den Stuhl weich macht.

Emils körperliche Entwicklung hingegen läuft problemlos und verleiht ihm Selbstbewusstsein. Er ist groß für sein Alter, sportlich und grobmotorisch fit. Klettern, schwimmen, rad- und skifahren lernt er schneller als viele Gleichaltrige. Er sehnt sich nach Bewegung an der frischen Luft und liebt die körperliche Herausforderung. Draußen und beim Sport gibt es keine Wutanfälle.

Am besten geht es ihm, wenn er den ganzen Tag auf Skiern steht, im Schwimmbad verbringt oder beim Bergwandern ist. Mit knapp vier Jahren bewältigt er freudestrahlend 600 Höhenmeter. Ein Nachmittag in der Kita hingegen schlaucht ihn zusehends. Danach ist er ausgelaugt, aggressiv und müde, schläft aber schlecht.

Im nächsten Kapitel geht es um Emils Entwicklung im Vorschul- und frühen Schulalter.