Glutenfrei – muss das wirklich sein?

„Glutenfrei ernähren sollte sich nur, wer tatsächlich eine Zöliakie hat. Bei Patienten mit dieser Autoimmunerkrankung löst das Klebeeiweiß eine chronische Entzündung der Dünndarmschleimhaut aus.“ Dieses Zitat stammt aus einem Artikel der „Welt“ mit dem Titel „Glutenfrei-Trend nervt selbst Betroffene“ vom Februar 2017. Stimmt das wirklich? Ist Gluten für alle Menschen ohne Zöliakie, einer genetisch bedingten Glutenunverträglichkeit, ungefährlich?

„Glutenfrei“ ist untrüglich zu einer Art Ernährungstrend geworden, auf den die Industrie mit massenweisen glutenfreien Artikeln reagiert hat. Auch HPUlern wird eine glutenfreie Ernährung empfohlen – ganz besonders denen, die unter Hashimoto Thyreoiditis leiden. Warum eigentlich?

Glutenfrei bei Schilddrüsen oder Darmproblemen

Hashimoto ist eine Autoimmunerkrankung. Das bedeutet, dass das Immunsystem die Schilddrüse angreift und sie dadurch in ihrer Funktion ausbremst. Um das Problem an der Wurzel zu packen, muss man zunächst verstehen, was der Grund für die Autoimmunreaktion des Körpers ist. Warum greift das Immunsystem die eigene Schilddrüse an?

Gluten, Leaky Gut und Entzündungen

Die Entstehung einer Autoimmunerkrankung ist komplex, aber ohne Zweifel kann Gluten dabei eine wichtige Rolle spielen. Gluten ist schwer verdaulich und greift aktiv die Verbindungen zwischen den Darmzellen, die sog. Tight Junctions, an. Gluten kann also direkt Löcher im Darm bzw. einen Leaky Gut herbeiführen.1-4

Durch die teilweise geöffnete Darmwand können Toxine, Mikroben und teilweise verdaute Lebensmittel austreten und sich frei durch den Blutkreislauf bewegen. Das Immunsystem erkennt diese Fremdstoffe und geht in höchste Alarmbereitschaft, um all diese Bedrohungen zu neutralisieren.

Weil der Einstrom von Stoffen, die das Immunsystem als bedrohlich ansieht, nicht abreißt, entsteht ein Zustand der chronischen Entzündung. Antibiotika, Fehlbesiedlungen des Darms (Candida oder SIBO) Antibiotika, Hormone aus Verhütungsmitteln, Glyphosat sowie Stress können diesen Prozess befeuern.

Immunsystem greift ähnliche Strukturen an

Nach einiger Zeit beginnt das überaktive Immunsystem körpereigene Strukturen anzugreifen. Im Fall von Hashimoto die Schilddrüse.

Der Grund dafür ist, dass sich das Immunsystem bestimmte Strukturen, besonders die von Proteinen, merken kann. Diese Fähigkeit dient eigentlich dazu, im Fall einer erneuten Infektion mit einem Erreger, diesen schneller abwehren zu können. Für die Entwicklung einer Autoimmunerkrankung ist diese Fähigkeit des Immunsystems jedoch fatal.

Denn manchmal verwechselt das Immunsystem ähnlich aufgebaute Proteine. Du ahnst an dieser Stelle wahrscheinlich schon, welchen Doppelgänger Gluten hat: Richtig – es ist das Gewebe der Schilddrüse. Wenn das Immunsystem also Antikörper gegen Gluten ausbildet, können diese Antikörper auch das Schilddrüsengewebe angreifen und damit eine Autoimmunerkrankung zur Folge haben.5

Kasein aus Kuhmilch auch oft unverträglich

Viele Menschen mit einer Glutenunverträglichkeit vertragen auch kein Milcheiweiß. Der Grund ist derselbe: Kasein, das Eiweiß aus Kuhmilchprodukten, hat Ähnlichkeiten mit der Struktur von Gluten. Hat sich das Immunsystem auf die Abwehr von Gluten oder Kasein eingerichtet, können die entsprechenden Antikörper auch auf das jeweils andere Protein passen.5

Wenn Du unter einem Leaky Gut leidest (nachweisbar über Alpha-1-Antitrypsin und Zonulin im Stuhl), können jedes Mal, wenn Du Gluten und Milchprodukte isst, deren Proteine in Deinen Blutkreislauf entweichen, wo sie einen Angriff Deines Immunsystems auslösen. Und aufgrund der Kreuzreaktionen ist nach einiger Zeit auch das Schilddrüsengewebe unter Beschuss.

Fazit:

Als HPUler mit Darm- und/oder Schilddrüsenproblemen solltest Du daher auf glutenhaltige Getreide und Kuhmilchprodukte verzichten. Die Proteine aus Schaf- und Ziegenmilchprodukten bereiten oft keine Probleme. Mit dieser Ernährungsweise in Kombination mit der HPU-Mikronährstoff-Therapie kann sich dein Körper vom dauernden Abwehrzustand erholen. Entzündungen klingen ab, Schilddrüse und Darm nehmen ihre reguläre Arbeit wieder auf – und du fühlst dich besser!

PS: Als entzündungsfördernde Nahrungsmittel gelten neben glutenhaltigem Getreide und Kuhmilchprodukten auch Mais, Soja, Eier und Zucker. Eine Ernährungsumstellung ist in unserer brotgeprägten Umgebung nicht immer leicht, aber sie lohnt sich für HPUler gleich mehrfach!

Zum Beitrag: Für HPUler ist Dinkel oft verträglicher als Weizen

 Quellen:

1 Doherty, M.; Barry, R. E. (1981): Gluten-induced mucosal changes in subjects without overt small-bowel disease. In: Lancet (London, England) 1 (8219), S. 517–520.

2 Biesiekierski, Jessica; Newnham, Evan; M Irving, Peter; Barrett, Jacqueline; Haines, Melissa; Doecke, James et al. (2011): Gluten Causes Gastrointestinal Symptoms in Subjects Without Celiac Disease: A Double-Blind Randomized Placebo-Controlled Trial. In: The American journal of gastroenterology 106. DOI: 10.1038/ajg.2010.487.

3 Drago, Sandro; El Asmar, Ramzi; Di Pierro, Mariarosaria; Grazia Clemente, Maria; Sapone, Amit Tripathi Anna; Thakar, Manjusha et al. (2006): Gliadin, zonulin and gut permeability: Effects on celiac and non-celiac intestinal mucosa and intestinal cell lines. In: Scandinavian Journal of Gastroenterology 41 (4), S. 408–419. DOI: 10.1080/00365520500235334.

4 Fasano, Alessio (2011): Zonulin and its regulation of intestinal barrier function: the biological door to inflammation, autoimmunity, and cancer. In: Physiological reviews 91 (1), S. 151–175. DOI: 10.1152/physrev.00003.2008.

5 Fasano, Alessio (2012): Leaky gut and autoimmune diseases. In: Clinical reviews in allergy & immunology 42 (1), S. 71–78. DOI: 10.1007/s12016-011-8291-x.